
| Ich glaube, daß der Leser großen Nutzen aus dieser chinesischen Lebensanschauung ziehen wird. Höchstwahrscheinlich werden sich sogar die Techniken des Kung Fu- Kämpfers (egal welcher Stil) erheblich verbessern. Die Struktur des Kung Fu gründet sich auf die Theorie des Yin & Yang, ein Paar von sich gegenseitig ergänzenden Kräften, die unentwegt in diesem Universum tätig sind. Diese chinesische Lebensanschauung kann auf alles Mögliche angewandt werden, aber hier interessieren wir uns nur für die Beziehung von Yin/Yang zur Kung Fu-Kunst. Der schwarze Teil des Kreises wird Yin genannt. Yin kann bezeichnet im Universum so verschiedene Dinge wie: Negatives, Passivität, Sanftheit, Zartheit, Zärtlichkeit, Nichtvorhandensein, Weibliches, Mond, Dunkelheit, Nacht usw. Der übrige (ergänzende) Teil des Kreises ist Yang. Yang repräsentiert Positives, Aktivität, Festigkeit, Härte, Greifbares, Männliches, Sonne, Helligkeit, Tag usw.. Viele Leute machen den Fehler, das Yin/ Yang-Symbol für dualistisch zu halten, etwa so, als wäre Yang das Gegenteil von Yin und umgekehrt. Solange, wie wir diese "Einheit" teilen (in Yin und Yang) werden wir nichts erreichen. Tatsächlich haben alle Dinge ihren komplementären (ergänzenden) Teil. Es ist nur der menschliche Geist, der die Dinge in ihre Gegensätze teilt. Die Sonne ist nicht das Gegenteil des Mondes, sie ergänzen sich und hängen von einander ab, so daß wir nicht ohne einen der beiden überleben können. Auf eine ähnliche Art und Weise ist der Mann nur die Ergänzung der Frau. Denn ohne Mann, wie sollte man da wissen, was eine Frau ist. Die "Einheit" von Yin/Yang ist eine Lebensnotwendigkeit. Wenn ein Fahrradfahrer vorankommen will, kann er nicht auf beide Pedale zur gleichen Zeit treten oder etwa gar nicht treten. Um voranzukommen, muß er auf ein Pedal treten und das andere freilassen. So erfordert ein Vorankommen die "Einheit" von Pedal-Treten und Pedal-Freilassen. So ist das Treten nur möglich, wenn das andere Pedal losgelassen wird. Das eine ist die Ursache des anderen. Im Yin/Yang-Symbol gibt es einen weißen Fleck im schwarzen Teil und einen schwarzen Fleck im weißen Teil. Dies soll die Balance, die Ausgewogenheit im Leben darstellen. Nichts Extremes, sei es negativ oder positiv, kann auf Dauer überleben. Deshalb muß sich Härte in Weiches kleiden (Unterarme wie Bleirohre umwickelt mit Watte. Anm. des Herausgebers) und Weiches hinter Härte verbergen. Deshalb soll ein Kung Fu-Mann elastisch wie eine (Stahl)Feder sein. Der starre Baum kann leicht gebrochen werden, während z.B. Bambus sich mit dem Wind biegt. Deshalb muß man im Kung Fu, oder jedem anderen System, weich sein, aber nicht völlig nachgeben. Sei fest, aber nicht hart. Und wer stark ist, soll seine Stärke mit Sanftheit umkleiden. Denn wo keine Weichheit mit der Festigkeit ist, da ist keine wahre Stärke. Wer seine Festigkeit hinter Weichheit verbirgt, dessen Abwehr kann nicht durchbrochen werden. Dieses Prinzip der Mäßigung ist uns ein guter Schutz zur Selbsterhaltung. Laßt uns die Einheit von Yin/Yang überall erkennen, dann geraten wir nicht in Gefahr in Extreme zu fallen. Selbst wenn wir dann zu einem Extrem neigen, sei es negativ oder positiv, werden wir nicht daran kleben (ding), sondern einfach "mitfließen" (flow), um es (das Extrem) ständig zu kontrollieren. Dieses "Mitfließen" ohne daran zu kleben, ist der wahre Weg, um sich davon (vom Extrem) zu befreien. Wenn ein Kung Fu-Mann die Theorie des Yin/Yang ganz verstanden hat, dann macht er sich keine Gedanken mehr über "Weichheit" oder Härte, er handelt dann einfach so, wie es die Situation erfordert. Dann sind alle konventionellen Formen oder Techniken unwichtig, seine Bewegungen sind dann ganz natürlich und einfach. Er muß dann keine Geister oder innere Kräfte zu Hilfe rufen oder sich auf den Kampf einrichten, wie so viele andere Meister. Seine Beschäftigung mit der Kampfkunst mündete schließlich in Einfachheit, und nur halb-gebildete Menschen haben es nötig anzugeben. |
Quelle WT-Welt 4 (Übersetzung: K.R. Kernspecht )
